Sprache beeinflusst unser Denken. Und das Denken hat die Sprache beeinflusst. Früher war alles nicht so demokratisch, Männer hatten das Sagen, und so ist unsere männlich geprägte Sprache entstanden. So die Theorie. Auf den ersten Blick ist die deutsche Grammatik bei Weitem nicht so auf das Geschlecht fixiert wie die romanischen Sprachen mit ihren männlichen und weiblichen Adjektiv- und Partizipendungen (Spanisch: la mujer alta, el hombre alto — die große Frau, der große Mann; Französisch: les femmes sont allées, les hommes sont allés — die Frauen (die Männer) sind gegangen. Auf den zweiten Blick jedoch spielt auch im Deutschen bei Adjektiven das Genus eine Rolle. Die Deutschlernenden hassen sie, die Adjektivdeklination: eine große Frau, ein großer Mann. Doch genug Grammatik.

Schon seit geraumer Zeit wird aufgrund der Männlichkeit der Sprache eine Genderdiskussion geführt, die Forderung lautet: gendergerechte Sprache, inklusive Sprache, geschlechtergerechte Sprache. Was ist das?

Wird in einem Text nur die männliche Form verwendet, entsteht in unseren Köpfen meist ein Bild, das oft der Realität oder den Absichten widerspricht. Wenn beispielsweise die Bergsteiger in einen Schneesturm geraten, die Piloten wieder streiken oder die Physiklehrer Arbeiten korrigieren, denkt man im ersten Moment automatisch an Männer, die das alles tun. Zwar wird heute in den meisten Fällen – in einer Fußnote oder bestenfalls zu Beginn des Textes – erklärt, dass Frauen oder Transgender selbstverständlich „mitgemeint“ sind, trotzdem fühlen sie sich nicht immer „gewollt angesprochen“, sondern nur aus politischer Korrektheit mitgemeint, schlimmstenfalls sogar nur „geduldet“. Dieses „Mitmeinen“ ist der Einfachheit und besseren Lesbarkeit des Textes geschuldet; die Gendermaßnahmen machen ihn ja nicht unbedingt kürzer.

Um beide Geschlechter und auch die anzusprechen, die geschlechtsneutral bleiben wollen, gibt es viele Vorschläge, bisher aber keine allgemeingültige Regel:

  • Neutrale Form: unsere Kundschaft statt „unsere Kunden“; unsere Leserschaft statt „unsere Leser“
  • Partizipialbildung: die Studierenden, die Arbeitenden, die Schlafenden
  • Gender-Stern: User*innen, Musiker*innen
  • Gender-Gap: User_innen, Musiker_innen
  • Binnen-I: UserInnen, MusikerInnen
  • Klammern: User(innen), Musiker(innen)
  • Schrägstrich: User/innen, Musiker/innen
  • Punkt: User.innen, Musiker.innen
  • Paarform: User und Userinnen, Musiker und Musikerinnen

(Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.)

Im Spanischen, wo die Pluralendung meist os (männlich) oder as (weiblich) lautet, greift man zum Gendern – ebenfalls ohne allgemeingültige Regel – auf die neutrale Endung es zurück. Vor allem in den sozialen Medien sind die Pluralendungen @s und Xs sehr beliebt, aber auch heftig umstritten: querid@s amig@s oder queridXs amigXs (liebe Freund_innen) mag ja innovativ sein, eignet sich aber nur für die Schriftform. Aussprechen möchte ich das nicht. Oder es wird eben es ausgesprochen.

Im Grunde ist die Lösung ganz einfach: Die Sprache an sich muss neutral werden. Die grammatikalischen Geschlechter müssen weg. (Das Englische ist uns da wohl etwas voraus.)

Im nächsten Beitrag wage ich mal ein kleines Sprachexperiment …

Adriana-Netz-Übersetzerin/Traductora

Adriana Netz – ermächtigte Diplom-Übersetzerin (BDÜ) für Spanisch, Französisch, Deutsch

Ich liebe alles rund um Sprache, Grammatik und Etymologie. Meine beiden Lebenshobbys sind das Musizieren (Posaune, Chor) sowie die Science- und Social-Fiction. Aus Spaß am Selberschreiben möchte ich in meinem Blog Schönes, Unschönes, Interessantes, Nerviges und auch Skurriles aus dem Berufs-, Privat- und Gedankenalltag aus der Gehirnschublade holen.

Gendern I: Männlichkeit der Sprache
Schlagwörter: