Gendern: Männlichkeit der Sprache

Gendern I: Männlichkeit der Sprache

Sprache beeinflusst unser Denken. Und das Denken hat die Sprache beeinflusst. Früher war alles nicht so demokratisch, Männer hatten das Sagen, und so ist unsere männlich geprägte Sprache entstanden. So die Theorie.

Auf den ersten Blick ist die deutsche Grammatik bei Weitem nicht so auf das Geschlecht fixiert wie die romanischen Sprachen mit ihren männlichen und weiblichen Adjektiv- und Partizipendungen:

Spanisch: la mujer alta, el hombre alto — die große Frau, der große Mann
Französisch: les femmes sont allées, les hommes sont allés — die Frauen (Männer) sind gegangen

Auf den zweiten Blick jedoch spielt auch im Deutschen bei Adjektiven das Genus eine Rolle. Die Deutschlernenden hassen sie, die Adjektivdeklination: eine große Frau, ein großer Mann. Doch genug Grammatik, denn bei der aktuellen Diskussion geht es nicht um das grammatikalische Gefüge des Deutschen, sondern um Personenbenennungen im allgemeinen Sprachgebrauch.

Schon seit geraumer Zeit wird aufgrund der überwiegenden Männlichkeit der Sprache eine Genderdiskussion geführt. Die Forderung lautet: gendern, gendergerechte Sprache, inklusive Sprache, geschlechtergerechte Sprache. Doch was ist das?

Das generische Maskulinum

Definition

Das generische Maskulinum ist eine Personen- oder Berufsbezeichnung in der grammatisch männlichen Form. Generisch bedeutet, das Wort soll als allgemeingültiger Oberbegriff dienen: Eine Personengruppe, die sich aus allen Geschlechtern zusammensetzt, wird männlich bezeichnet. Zur Rechtfertigung der Allgemeingültigkeit wird behauptet, das Wort habe keinen Sexus. Es zeige das biologische Geschlecht nicht an.

Quelle: genderleicht.de

Wird in einem Text nur die männliche Form verwendet, entsteht in unseren Köpfen meist ein Bild, das oft der Realität oder den Absichten widerspricht:

Die Bergsteiger geraten in einen Schneesturm.
Die Piloten streiken.
Die Physiklehrer korrigieren Arbeiten.

Im ersten Moment denken die meisten automatisch an Männer, die das alles tun. Zwar wird heute in den meisten Fällen – in einer Fußnote oder bestenfalls zu Beginn des Textes – erklärt, dass auch Frauen und Personen des dritten Geschlechts oder ohne Geschlechterzuordnung selbstverständlich „mitgemeint“ sind, trotzdem fühlen sich diese nicht immer „gewollt angesprochen“, sondern nur aus politischer Korrektheit mitgemeint, schlimmstenfalls sogar nur „geduldet“. Dieses „Mitmeinen“ sei der Einfachheit und besseren Lesbarkeit des Textes geschuldet, da die Gendermaßnahmen ihn „unverständlich“ machen würden.

Vorschläge zum gendergerechten Schreiben (Gendern)

Um beide Geschlechter und auch diejenigen anzusprechen, die geschlechtsneutral oder geschlechtslos bleiben wollen, gibt es viele Vorschläge, bisher aber keine allgemeingültige Regel:

  • Neutrale Form: unsere Kundschaft statt „unsere Kunden“; unsere Leserschaft statt „unsere Leser“
  • Partizipialbildung: die Studierenden, die Arbeitenden, die Schlafenden
  • Gender-Stern: User*innen, Musiker*innen
  • Gender-Gap: User_innen, Musiker_innen
  • Binnen-I: UserInnen, MusikerInnen
  • Klammern: User(innen), Musiker(innen)
  • Schrägstrich: User/innen, Musiker/innen
  • Punkt: User.innen, Musiker.innen
  • Doppelpunkt: User:innen, Musiker:innen
  • Paarform: User und Userinnen, Musiker und Musikerinnen

Selbstverständlich erhebt diese Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Wie gendert das Spanische?

Spanische Substantive sind entweder männlich (el) oder weiblich (la), die Pluralendung lautet meist –os (männlich) oder –as (weiblich). Der neutrale, sachliche Artikel lo wird nur für Abstraktes verwendet: lo interesante (das Interessante)/lo divertido (das Lustige). Da sich auch Adjektive und Partizipien nach dem (grammatikalischen) Geschlecht richten, wird durchweg alles männlich oder weiblich dekliniert: la mujer alta ha sido mencionada/el hombre alto ha sido mencionado — die große Frau/der große Mann wurde erwähnt

Möchte man nun über eine Personengruppe sagen Alle wurden erwähnt, muss man im Spanischen wissen, ob es sich um eine reine Frauengruppe (Todas han sido mencionadas) oder um eine Männergruppe (Todos han sido mencionados) handelt. Besteht die Gruppe aus 99 Frauen und nur einem einzigen Mann, greift auch hier das generische Maskulinum. Doch auch im Spanischen wird der Ruf nach sprachlicher Gleichberechtigung immer lauter.

Endungen -es, -@s, -Xs

Damit alle angesprochen werden, setzt sich zum Gendern langsam die neutrale Endung –e im Singular und –es im Plural durch: Todes han sido mencionades. Im Schriftsprachlichen, vor allem in den sozialen Medien, sind die Endungen –@ oder –X im Singular und –@s oder –Xs im Plural sehr beliebt, aber auch sehr umstritten: Tod@s han sido mencionad@s oder TodXs han sido mencionadXs mag innovativ sein, eignet sich allerdings wegen der Schwierigkeit der Aussprache wirklich nur für die Schriftform. Oder es wird in der Aussprache der Endung -es gleichgesetzt: Todes han sido mencionades

Neutrales Pronomen elle statt el (er) oder ella (sie)

Darüber hinaus findet zur Bezeichnung einer dritten Person ohne Geschlechtszuweisung als Abgrenzung zum männlichen Personalpronomen el und dem weiblichen ella das neutrale Personalpronomen elle Einzug in den Sprachgebrauch.

Im Deutschen: neutrales Personalpronomen xier statt er oder sie

Für meine Übersetzung des Romans Die Wahrheit will nicht sterben von Paul Pen musste ich zum Thema Gendern näher recherchieren: Eine Romanfigur verwendet in innerem Monolog das im Spanischen vorgeschlagene neutrale Personalpronomen elle. Für die deutsche Übersetzung griff ich zurück auf das von Illi Anna Heger entwickelte Pronomen xier im Nominativ und xiem im Dativ. Zum Zeitpunkt der Übersetzung waren die unten genannten die drei gängigsten Pronomen im Deutschen. Darüber hinaus wollte ich auf die Notwendigkeit der Deklination im Deutschen hinweisen, die im Spanischen entfällt. Daher wandelte ich den spanischen Satz in der Übersetzung ein klein wenig um:

Spanischer Originalsatz
Incluso le enseñó el pronombre neutro que su colectivo prefería usar: Elle. Solo por solidaridad con elle, Audrey pensó en elegir la pastilla de color marrón oscuro de su padre.

Deutsche Übersetzung
Sie hatte ihr sogar mögliche deklinierbare Pronomen genannt um er oder sie zu ersetzen: xier, sier und hen. Aus Solidarität mit xiem dachte Audrey zunächst daran, die dunkelbraune Seife ihres Vaters zu benutzen.

Die Wahrheit will nicht sterben, Paul Pen, Edition M, 2019, ISBN 978-2496700053

Welche Lösung für gendergerechtes Schreiben?

Im Grunde ist die Lösung – rein theoretisch – ganz einfach: Die Sprache an sich muss neutral werden. Im nächsten Beitrag wage ich ein kleines, erstes Sprachexperiment …

Adriana Netz ist Übersetzerin für Spanisch, Französisch, Deutsch und möchte in ihrem Blog Über den Schreibtischrand sich und ihre Arbeit näher vorstellen und über Sprache, Übersetzen und Kulturen schreiben. Mit dabei: Interessantes, Schönes, Nerviges und Skurriles.

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